Wissen

Natur in der Stadt Zürich – von damals bis heute

29.08.2020, Laura Schenker

Die Natur in der Stadt Zürich und ihre Wahrnehmung durch die Bevölkerung hat sich in den letzten drei Jahrhunderten stark verändert. Bis zur Industrialisierung war die städtische Architektur durchlässig für die Tiere und bot ihnen viele Nischen und allerlei Verstecke. Im 19. und 20. Jahrhundert begann man die Böden zu versiegeln und verwehrte den wildlebenden Gästen zunehmend den Zutritt ins Haus. Heute leben rund 600 Tier- und über 1200 Pflanzenarten in Zürich auf Stadtzürcher Boden, insbesondere vielen wärmeliebenden Arten bietet die Stadt einen Ersatzlebensraum.
Damals: Beginn der Neuzeit

Bis zu Beginn der Neuzeit stammten die meisten Nahrungsmittel für die Bewohner der damals noch viel kleineren Stadt Zürich aus dem umliegenden Landwirtschaftsland. Biologische Abfälle wurden direkt kompostiert und wiederverwendet, das Vieh wurde noch lange in der Stadt gehalten. Die Hausratten, die in den mit Vorräten gefüllten Dachstöcken lebten, wurden nachts von den «Tachmardern» (Steinmardern) verfolgt. Zürcher Gärtnerinnen hielten sich zur biologischen Schädlingsbekämpfung die heute weltweit selten gewordenen Waldrappen, die sich von Engerlingen und Maulswurfsgrillen ernährten. In der Limmat tummelten sich Fischotter und Flussneunaugen – letzteres ist heute in der Schweiz ausgestorben, der Fischotter ist daran, die Schweizer Gewässer wieder zu besiedeln, nachdem er seit 1989 als ausgestorben galt.

 

 

Eine Fischtafel im Rathaus (um 1709) zeigt alle im Zürichsee und in der Limmat beheimateten Fische und deren Fangzeiten. Unter anderen aufgeführt sind Lachs und Aal, beide Arten sind heute in der Schweiz ausgestorben. © Baugeschichtliches Archiv

Trennung von Stadt und Natur

Die Wissenschaft hatte zu dieser Zeit grosses Interesse daran, die Natur zu verstehen. Die Natur wurde jedoch vom städtischem Lebensraum getrennt verstanden. Es wurden Tiere und Pflanzen aus dem Gebirge, dem Wald und exotischen Gegenden gesammelt und untersucht. Im 1748 gegründeten botanischen Garten wurden Pflanzen aus aller Welt ausgesät oder gesetzt. Die Natur in der Stadt wurde in Schach gehalten und so gestaltet, dass sich der Mensch darin erholen konnte. So erhielt zum Beispiel die Naturforschende Gesellschaft 1776 den Aufrag, das Sihlhölzi zu bepflanzen und als «Spazierplatz» anzulegen.

 

 

Der Stadtplan zeigt Zürich um 1814. Die Stadt umfasste damals die Altstadt, das umgebende Landwirtschaftsgebiet versorgte die Bewohner mit Wein, Getreide und weiteren Nahrungsmitteln. © Baugeschichtliches Archiv

Industrialisierung und Erweiterung des Stadtgebietes

Im 19. Jahrhundert veränderte sich dieses Bild stark. Das Stadtgebiet weitete sich aus, die Ringmauern wurden abgeschliffen und die Schanzenanlagen entfernt. Dies nahm vielen Tieren, die zuvor mitten in der Stadt Unterschlupf fanden, den Lebensraum. Mit der Industrialisierung wuchs Zürich weiter. Mit den Eingemeindungen von 1893 und 1934 erreichte die Stadt die heutige Fläche von 92km2. Die Bautätigkeit ging zwar auf Kosten der landwirtschaftlich genutzten Flächen, führte aber auch zu neuen Lebensräumen. So entstand zum Beispiel im Bahnhofsgelände eine grossflächige, trockene Schotterlandschaft und in den ehemaligen Rebbergen an den Südhängen breiteten sich Villen-Quartiere mit grosszügigen Gartenanlagen aus. Zu dieser Zeit wurde auch das Seeufer aufgeschüttet und mit Quaianlagen bebaut.

 

 

Monumental-Plan der Stadt Zürich», um ca. 1900. Im Zuge des Ausbaus eines leistungsfähigen Schienennetzes wurde der Hauptbahnhof gebaut. Zwischen 1871 und 1930 wuchs Zürich von 56'700 auf 251'000 Einwohner an. © Baugeschichtliches Archiv  

Ersatzlebensraum Stadt

Diese Veränderungen führten dazu, dass einige zuvor noch nicht in der Stadt beobachteten Arten einen neuen Lebensraum fanden. So begann zum Beispiel der Hausrotschwanz, der bis ins 18. Jahrhundert als Vogel felsiger Gebirge bekannt war, in den Kunstfelsen der Stadt zu brüten. In den strukturreichen Gärten der Villen mit vielen offenen Flächen und Baumgruppen traf man vermehrt die Amsel an. Noch 1842 war sie als Wintergast in englischen Gartenanlagen bekannt, 1854 wurde sie bereits zu den Brutvögeln gezählt.

 

 

Die Stadt Zürich im Jahr 1963: In weniger als 100 Jahren hat sich das Stadtgebiet vervielfacht. © Baugeschichtliches Archiv  

Städtische Wärmeinsel

Die zunehmende Versiegelung und Versteinerung der Stadt haben nicht nur direkte Konsequenzen für die hier beheimateten Lebewesen, sie werden auch indirekt das Klima in der Stadt beeinflusst. Vom Beginn des 20. Jahrhunderts zum Beginn des 21. Jahrhunderts stieg die durchschnittliche Jahrestemperatur in der Innenstadt von ca. neun auf 10,5 Grad Celsius an. Dieses trocken-warme Klima der Innenstadt unterscheidet sich vom Klima am Stadtrand und hat einen starken Einfluss, welche Arten der Flora und Fauna in der Stadt gedeihen können (siehe auch den Blog-Beitrag «Mit Stadtbäumen der Sommerhitze trotzen».)

Ausbreitung mediterraner Arten

Seit den 1980er Jahren treten in Zürich vermehrt Arten auf, die ihren Verbreitungsschwerpunkt im Tessin, auf der Alpensüdseite oder im Mittelmeergebiet haben. So kann zum Beispiel die Weissrandfledermaus neu auch nördlich der Alpen in Städten beobachtet werden. Auch der primär mediterrane Alpensegler brütet in Zürich schon seit Jahrzehnten. Die Stadt Zürich beherbergt im Bahnhofsgelände zudem die grösste Mauereidechsen Population nördlich der Alpen.

Herausforderungen für Flora und Fauna in der modernen Stadt

Die moderne Stadt Zürich ist geprägt von einem Mosaik aus Industrie- und Gewerbeflächen, Wohngebieten, Strassen und Grünräumen. Die Lebewesen im heutigen Zürich werden von vielen Faktoren beeinflusst. Die zerstückelten Lebensräume bilden für manche Tierart unüberwindbare Barrieren. Für einige Lebewesen stellt der Strassenverkehr eine grosse Gefahr dar, andere der starke Temperaturunterschied zwischen Strassen und dem umgebenden Grünland. Künstliche Lichtquellen können zum Problem werden (siehe auch den Blogbeitrag «Die Dunkelheit – ein bedrohtes Gut»). Andererseits können viele Tiere Abfälle, die von Menschen stammen, als zusätzliche Nahrungsquellen nutzen. Anpassungsfähige Tiere haben trotz oder gerade wegen der vielen Eigenheiten der Stadt einen Weg gefunden, mitten in der Stadt zurechtzukommen.

 

Verwendete Literatur

Ineichen, S., Ruckstuhl, M., 2010. Stadtfauna: 600 Tierarten der Stadt Zürich. Hauptverlag. Hrsg.: Grün Stadt Zürch

Rudio, F. 41/1: 1896. Vierteljahresschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, 1746 – 1896.

 
 

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